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"Phantasie" oder "Eine Geschichte schlüpft"

Keramik by Patricia Koelle



Die eine Biografie

 

Patricia Koelle, geboren 1964 in Huntsville, Alabama. Seit 1965 in Berlin.Studium der Sozialpädagogik an der Freien Universität Berlin. Während des Studiums tätig als Hilfskraft an der Universität, in einer Galerie, bei einem Fernsehsender, in Seniorenheimen und Kindertagesstätten sowie in einer Klinik auf der Station für schwerstbehinderte Kinder. Nach Abschluss des Studiums  Schulhelferin und Familienhelferin. Verheiratet. Freie Autorin.


Die andere Biografie

 

Meine Vorliebe dafür, viele Worte auf viel Papier festzuhalten, begann mit einer chronischen Verstopfung.
Sie war die Folge einer Allergie im Kleinkindalter und bedeutete, dass ich leere Ewigkeiten auf dem Topf zubringen musste. Ein langweiliger Ort, so dass mein Gequengel meine Mutter dazu zwang, aus Notwehr Abhilfe zu schaffen.
Sie malte in meiner Augenhöhe mit grüner Spezialfarbe eine großzügige Wandtafel auf die untere Hälfte der Badezimmertür. Mit Kreide hinterließen sie und meine Schwestern täglich seltsame und oft lohnende Botschaften darauf, und ich verbrachte die Ewigkeiten von nun an damit, diese zu entziffern.
So lernte ich lesen.

Mein Lieblingsspielzeug war zur gleichen Zeit die alte Reiseschreibmaschine meines Vaters. Ich hämmerte darauf herum und füllte die Seiten mit Buchstabenfolgen mit vielen Z und Q, von welchen ich behauptete, es sei die Sprache, die auf dem Abendstern gesprochen werde.

Irgendwann verlangten die Badezimmerbotschaften nach Antworten, und ich ließ die Sprache des Abendsterns am Himmel und begann das Abenteuer, verständlich zu schreiben.
Daraufhin bemerkten  meine Schwestern, dass sie keine Lust mehr hatten, mir allabendlich „Das Getüm“ vorzulesen, und teilten mir mit, ich müsse Bücher von nun an selbst lesen.
Das fand ich ungeheuerlich. Doch meine Schwestern besaßen einen Pinguin aus Holz mit einem abnehmbaren Kopf, den ich um jeden Preis besitzen wollte. Sie versprachen mir zunächst sein linkes Auge, wenn ich ihnen das Buch „Pinguin Pondus“ vorläse. Beim zweiten Buch bekam ich das rechte Auge, beim nächsten den Schnabel, irgendwann den Kopf und den Bauch. Selbst die Flügel eroberte ich, und als sie mir den schwerverdienten Vogel überreichten, konnte ich auch dicke Bücher lesen.

Leider fehlte mir jedoch ein Weihnachtsgeschenk für meine Eltern. Meine eine Schwester fertigte eine kunstvolle Emailleschale, die andere eine Handtasche aus Leder. „Das kannst Du noch nicht“, sagten sie mir, da sie um ihre Werkzeuge fürchteten. „Schreib doch eine Geschichte!“
Also schrieb ich eine Geschichte und bemerkte, dass mir auf dem Papier Welten offenstanden, in welchen niemand sagte: Das kannst Du noch nicht. Von da an war ich nicht nur auf dem Abendstern unterwegs.

Bald darauf kam ich in die erste Klasse, wo ich seitenweise und stundenlang Wellenlinien und Kringel malen sollte. Ich nahm die Schule nie wieder ernst.
Während die anderen Kinder die Buchstaben lernten, hatte ich Zeit für Tagträume, und die Tagträume wurden zu Geschichten, mit denen ich die alte Schreibmaschine fütterte.
Morgens wachte ich vor dem Tag auf und beobachtete die Zeiger des Weckers. Wenn sie auf sechs Uhr standen, durfte ich anfangen zu lesen. Meine Schwestern schnitten den Kopf eines Wurms aus einem Bogen Papier, klebten ihn an meine Zimmertür und erklärten, dies sei der Bücherwurm, und für jedes gelesene Buch dürfe ich seinem Körper ein  Segment hinzufügen. Jahrelang wurde also jeder Buchtitel auf ein buntes Segment geschrieben und dieses hinzugefügt, bis der Wurm sich mehrfach um sich selbst schlang und auf den Weg in den Flur machte.


Die Welt blieb für mich eine schimmernde grüne Tür mit einer Tafel, an die das Leben täglich seltsame und faszinierende Botschaften schreibt, die ich zu entziffern und festzuhalten versuche. Jeder neue Tag verwischt sie und schreibt sie anders.
Leider scheinen mit der Verstopfung und der Kindheit auch die kleinen Ewigkeiten verschwunden zu sein, und die vollen Tage und eine große und besondere Liebe lassen wenig Zeit für das Schreiben.
Doch es bleibt ein Abenteuer und ein Glück.




 

 

"Imaginärer Freund"    Keramik by Patricia Koelle


Aus dem Nachwort zur 1. Ausgabe von "Die Füße der Sterne": Wer schreibt, wird immer wieder erstaunt gefragt, woher seine Ideen kommen. Es hört sich meist an, als wäre eine Idee, auch die kleinste, etwas Exotisches und ebenso unwahrscheinlich wie der Fall, dass eines Samstagmorgens kleine grüne Männchen in die Küche spazieren und sich zu Tee und Erdbeerkonfitüre einladen. Das erscheint mir seltsam und bedenklich, denn wir Menschen sind doch eigentlich dazu geboren, von morgens bis abends Ideen zu haben. Ich weiß, wo meine Ideen herkommen. Sie kommen daher, wo alle Ideen herkommen, aus diesem wunderbaren, ungeheuren Leben, das einer Glaskugel gleich je nach Blickwinkel in immer neuem erstaunlichen Licht erscheint, und das uns allen die Chance auf eine eigene Geschichte gibt. Bei uns Zuhause war es selbstverständlich, Ideen zu haben. Sie wuchsen in unserer Familie wie das Unkraut im Gemüsebeet. Wenn die Ideen mehr Platz brauchten, bauten meine Eltern an, um und aus. Die Familie hatte die Vorstellung, dass ein Türmchen auf das Dach gehörte, also kam ein Türmchen aufs Dach. Ideen waren nicht nur da, wir lernten auch, dass sie verwirklicht werden können. Fast alles erschien machbar. Unser Vater arbeitete daran, Menschen auf den Mond zu bringen. Unsere Mutter bewies uns, dass es im frühlingskalten Berlin möglich ist, die Eier unserer tropischen Wasserschildkröte zum Schlüpfen zu bringen, die diese beiläufig in die Garageneinfahrt gelegt hatte. Meine Schwestern hatten grundsätzlich irgendeine Bastelarbeit im Gange, und wenn dafür ausgefallene Materialien gebraucht wurden, machte unsere Mutter sich mit uns auf und besorgte sie. Da Ideen offenbar doch nicht, wie ich eine ganze Kindheit lang angenommen habe, selbstverständlich sind, möchte ich mich an dieser Stelle bei unseren Eltern Elisabeth und Heinz-Hermann Koelle dafür bedanken, dass sie unseren Ideen den Raum geschaffen haben, ihnen das Laufen lernen erlaubt, ermöglicht und beigebracht, und uns auch sonst so viel von dem mitgegeben haben, was man für ein buntes und glückliches Leben braucht. Mit jedem Jahr, das ich dieses Leben wahrnehmen darf, entdecke ich mehr davon. Dass wir in einem Garten aufwachsen durften, der sich ständig veränderte, und in dem wir die kleinen Dinge groß sehen lernten, ist eines der schönsten Geschenke, die sie uns machen konnten.